Herr Scherf, der Deutschlandfunk hat einen sehr einfühlsamen Bericht über Ihre Lebensgemeinschaft mit dem Titel überschrieben „Bremens bekannteste Greisen-Kommune.“ Haben Sie oder oder andere Mitbewohner Ihrer Gemeinschaft sich daran gestört oder abgewertet gefühlt?
Nein, im Gegenteil. Wir, das heißt in diesem Fall ich, die anderen sind da eher etwas zurückhaltend, ich finde das richtig gut. Es geht doch darum, öffentlich zu machen, dass man im Alter nicht einsam sein muss. Allein in der Familienwohnung, oder dem Familienhäuschen zurückbleibt und immer mühseliger mit dem Einkauf und dem Versorgen zurechtkommt. Wenn dann mal ein Sturz passiert und niemand da ist, das ist doch schrecklich. Aber das ist heute leider ein Millionenschicksal.
Sie haben mit der „Greisenkommune“ eine Lösung gefunden, diesem Schicksal zu entgehen und 1987 ein Stadthaus gekauft, in der Ihre Frau und Sie mit Freunden als Gemeinschaft leben. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Meine Frau und ich haben früher als Studenten, mit unseren Kindern, in einer Hamburger Wohngemeinschaft gelebt. Die haben wir 1960 mitbegründet. Es gibt sie übrigens immer noch. Und mit dieser Erfahrung im Hintergrund haben wir uns dann neu orientiert, als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, das heißt weit weg von Bremen oder im Ausland.
Wie haben Sie herausgefunden, in welcher Form Sie gemeinschaftlich im Alter leben möchten?
Anfangs haben wir verschiedene Modelle erörtert. Ich habe geschwärmt von meinen Kibuzerfahrungen in Israel und von meinen Bruderhoferfahrungen in Lateinamerika und in den USA. Die anderen waren eher zurückhaltend und haben mich eingebremst. „Mach mal schön langsam“. Ich wollte eine gemeinsame Küche, ein gemeinsames Esszimmer, ein gemeinsames Musikzimmer, eine gemeinsame Bibliothek. Das ging ja schon mal räumlich gar nicht auf. Außerdem wollten die anderen das auch gar nicht! Sie wollten eine andere Balance. Sie wollten so selbständig wie möglich bleiben. Wir haben uns dann darauf verständigt, dass jeder seine eigene Wohnung hat, mit eigener Küche und eigenem Bad.
Wo bleibt dann da die Gemeinsamkeit?
Die kommt nicht zu kurz. Wir treffen uns oft: Jeder lädt die anderen ein. Dann essen wir zusammen. Das muß nicht jeden Tag sein. Aber man trifft sich ein bis zwei Mal in der Woche - übrigens auch mit den Kindern und Enkeln der Mitbewohner. Wir haben deshalb zwei Gästewohnungen im Haus. Das ist sinnvoll. Ich habe schrittweise gelernt, dass die Gemeinschaft dann besonders gut funktioniert, wenn man sich nicht nur untereinander gut versteht, sondern wenn man auch mit den Kindern, den Enkelkindern und den Freunden der Bewohner gleichermaßen gut zusammenkommt und die sich hier wohlfühlen. Das ist unserer Gemeinschaft gelungen.
Bis in welches Alter ist man eigentlich offen für eine neue Art des Zusammenlebens?
Das ist doch keine Frage des Alters. Bei uns zieht Anfang November eine 86 Jahre alte Lady aus dem Bremer Umland ein, die nicht allein in ihrem großen Haus leben will. Sie möchte jetzt mitten in der Stadt mit Leuten zusammenwohnen, mit denen sie ihr Altersleben lebendig gestalten kann. Sie fährt Auto, ist sportlich, liebt Musik, spielt Geige und ist eine bewundernswert vitale Frau. Und sie ist im konservativen Milieu bestens vernetzt. Das wird spannend. Wir hoffen jetzt alle, dass wir gut miteinander klar kommen, wenn sie hier auf uns linke Vögel stößt. Sie sehen an diesem Beispiel, dass es keine absoluten Altersgrenzen gibt.
Muss man ähnlich „gestrickt“ sein, um gemeinsam in einer Alters-WG leben zu können?
Gemeinsame Interessen sind sicherlich hilfreich, weil sie verbinden. Aber Gegensätze sind auch interessant. Ich wollte ja früher einmal Pastor werden und habe deshalb die evangelische Lehre stark verinnerlicht. Dann haben wir in unserer WG mit Hanns Kessler, einem katholischen Priester, über 20 Jahre lang zusammengelebt. Es war eine wunderbare Freundschaft und wir haben ihn hier bis zum Tod unterstützt. Es hat mit ihm natürlich viele kontroverse Diskussionen gegeben, und ich habe viel dazugelernt. Die intensiven Gespräche mit ihm möchte ich nie missen. Ich glaube, wichtiger als die jeweilige Orientierung ist es, offen für andere Menschen zu sein und auch im Alter neugierig zu bleiben.
Sie und Ihre Frau Luise stehen sehr im Fokus der Öffentlichkeit. Das lenkt auch immer wieder die Medien auf Ihr Lebensmodell. Kann so viel Aufmerksamkeit nicht auch zu einem Ungleichgewicht innerhalb der Gemeinschaft führen?
Das ist ein ganz sensibler Prozess und verlangt von allen Beteiligten die Fähigkeit, sich in die Lebenssituation der anderen hineinzuversetzen. Wenn ich unsere Alters-WG darstelle, bin ich der Lautsprecher hier. Und ich muss respektieren, dass das nicht allen gefällt und muss deswegen ihre Privatspähre schützen. Überhaupt muss man Respekt davor haben, dass nicht alle Gleiches wollen, sondern unterschiedliche Wünsche haben. Die Balance zwischen „ich will was gemeinsames machen und ich will mich auch zurückziehen können, ich will Pausen, ich brauche Pausen, ich muss meinen Lebensrhythmus im Alter selbst bestimmen können und will mich nicht fremd bestimmen lassen – das ist ein ganz sensibler Prozess. Da kann und muss man ganz viel lernen.
Herr Scherf, Sie haben bei der Vorbereitung dieses Gesprächs gesagt, dass das Modell der Alters-WG ihre Kinder entlastet?
Natürlich. Sie leben ja weit entfernt von uns und müssen sich keine Sorgen um uns machen, weil wir nicht allein sind. Sie wissen uns in guten Händen. Und das beruhigt sie. Zwei von ihnen starten übrigens gerade in Hamburg ein ähnliches Projekt. Spannend finde ich auch die Entwicklung unserer Ekelkinder. Sie haben uns ja nur als Gemeinschaft kennengelernt. Sie denken sowie, dass wir alle eine große Familie sind. So ist es ja auch tatsächlich. Es gibt Patenschaften und sehr viel Nähe. Wenn sich unsere Kinder mit denen unserer Mitbewohner treffen, dann merkt man richtig, wie die aufeinander zugehen, neugierig sind, viel voneinander wissen. Das ist wie ein Ring um uns!
So eine Wohngemeinschaft lebt eben auch vom Umfeld. Die braucht Leute drum herum, die interessiert teilnehmen, die kommen und gehen, die auch mal übernachten, die mit uns gemeinsam musizieren und mit uns Ferien machen. Ja, wir machen gemeinsam Urlaub, Rentnerurlaub. Aber das ist schön. Es ist ein anderer Ort, man sammelt gemeinsam neue Eindrücke. So bin ich mit den Geschwistern der hier Wohnenden und mit ihren Kindern herzlich befreundet.
Sie leben ja nicht nur zusammen, Sie sorgen auch füreinander. Wieviel Nähe braucht man, um sich einander auch in schwierigen Situationen beistehen zu können?
Die ergibt sich einfach. Wir haben in unserer Gemeinschaft vier Sterbebegleitungen gemacht, zum Teil mit langer, mehrjähriger Pflege. Alle, die hier gestorben sind, wollten nicht ins Krankenhaus, wollten nicht ins Hospitz, sondern wollten hier sterben. Und wollten auch, dass wir hier möglichst wenig fremde Hilfskräfte einbeziehen. Wir haben uns meistens auf einen Palliativmediziner beschränkt, der uns begleitet hat. Der hat auch geholfen, Schmerzmittel zu verabreichen. Die bekommt man ja als normaler Mediziner nicht. Alles andere haben wir selbst gemacht, und zwar rund um die Uhr.
Zuletzt ist Günther Ruholl, ein in Bremen bekannter Pfarrer und ganz lieber Freund von mir, ein lebenslanger Freund, hier in unserer Mitte gestorben. Es hat vier Monate gedauert, und er wollte hier sterben. Wir waren Tag und Nacht bei ihm, im Schichtwechsel natürlich, und er hat nie das Gefühl gehabt, ich bin alleine. Als er gestorben war, waren wir alle drum herum. Er ist hier zwei Tage aufgebahrt worden, so wie das früher in Bauernhäusern war. Dort wurden die Toten auf der Diele aufgebahrt So haben wir das hier auch gemacht.
Dann hat die Pastorin, eine Kollegin, ihn bei uns ausgesegnet. Das war wie im Traum, wie sie die Predigt gehalten hat. Wir standen dabei am Totenbett, alle um ihn herum. Und dann haben wir ihn beim Abschied nehmen auch angefasst und uns zu einer Kaffee-und Kuchenrunde in seinem Wohnzimmer neben dem Sterbezimmer getroffen, bei offener Tür. Natürlich gab`s noch einen kleinen Schnaps dazu. Es fühlte sich alles so intensiv an. Der Verstorbene hat davon nichts mehr mitbekommen. Aber wir haben uns alle eingebildet, er sei noch bei uns. So möchte ich auch sterben, umgeben von den Menschen, die mir wichtig sind!