Welches Bedürfnis steckt hinter einem geordneten, gepflegten Garten?
Wir alle brauchen Ordnung, Kontrolle und Übersicht. So suggerieren wir uns die Planbarkeit des modernen Lebens. Im Garten möchten wir bestimmen, welche Pflanzen wachsen dürfen, wo sie zu wachsen haben und wie sie wachsen sollen.
Welcher Prozess wurde bei Ihnen ausgelöst, als der Rasen nicht mehr gemäht wurde?
Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis ich bereit war, dies nicht mehr zu tun. Am Anfang stand die eigentlich ganz vernünftige Einsicht, dass es für das Bodenleben, für die Tiere, Pflanzen und Pilze besser wäre, nicht mehr zu mähen. Aber dagegen stellte sich die Angst vor Wildwuchs, vor Kontrollverlust, vor Unordnung und Hässlichkeit.
Aber dann, als wir nicht mehr mähten, explodierte der bisherige Rasen förmlich. Eine Vielfalt von Gräsern, dazu Hirtentäschel, Kriechender Günsel, Wiesenschaumkraut, Pfennigkraut und weitere Wildkräuter kamen ans Licht. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass sich die Samen oder Wurzeln dieser Pflanzen über Jahre im Boden befunden hatten. Langsam begann ich zu begreifen, wie viel sich entfalten kann, wenn ich nicht mehr eingreife, also ein bestimmtes Tun unterlasse. Ich musste meine Dominanz aufgeben, erst dann konnte sich langsam Stück für Stück bislang verborgene Natur zeigen.
Sie erzählen im Buch, wie aus Unkraut Wildkräuter wurden. Was bedeutet das?
Wir Menschen sind es gewohnt, auch die Welt der Pflanzen in gute und schlechte Gewächse einzuteilen. Der weitaus größte Teil, dessen was wächst, ist für uns Unkraut. Es erscheint uns unnütz, darf oder muss sogar weggespritzt werden. Gelten lassen können wir vor allem gezüchtete Blumen wie Tulpen, Rosen oder Dahlien. Ich musste mein Verständnis von Schönheit grundsätzlich ändern, meine Wahrnehmung und meine Bewertungen.
Wie schwer sind Ihnen die Veränderungen der Sichtweisen gefallen – und warum?
Zu Beginn war dies schwierig, weil ich schnell merkte, dass ich das Problem bin und nicht die Pflanzen. Angefangen hat der Wandel damit, dass ich immer wieder hingeschaut und beobachtet habe. Ich musste in gewisser Weise sehen lernen. Damit verbunden war auch, möglichst wenig zu bewerten, vor allem die Einteilung in „hässlich“ oder „schön“ aufzugeben. Diese zu unterlassen, musste ich immer und immer wieder üben. Es handelt sich nicht um eine einmalige Entscheidung, die man trifft und mit der sich plötzlich die ganze ästhetische Wahrnehmung dauerhaft ändert. Es ist ein langsamer Prozess, und er geht unaufhörlich weiter und kommt nie an sein Ende.
Welche Eingriffe erlauben Sie sich in Ihrem Garten?
Da wir auch Gemüse anbauen, rupfe ich im Frühjahr die Pflanzen aus den Beeten, die während des Winters als Gründüngung dort standen. Auch während des Keimens und Wachsens der Kulturpflanzen entferne ich die eine oder andere Wildpflanze. Rote Beete können nicht hochkommen, wenn die starke Brennnessel den Boden um sie herum erobert.
Wenn ich durch den Garten gehe, habe ich immer einen Knipser, eine Art Rosenschere, dabei. Keimt ein Ahornsamen im Stachelbeerbusch und ragt nun aus ihm heraus, dann knipse ich ihn ab. Es ist also durchaus so, dass ich eingreife. Aber mittlerweile weiß ich, wo ich das tun darf und wo ich es bleiben lassen sollte.
Was haben Sie vor 30 Jahren gesehen und was sehen Sie heute, wenn Sie in den Garten gehen?
Unser Grundstück war bei unserem Einzug eigentlich recht kahl. In den folgenden Jahren haben wir sehr viel angepflanzt, beerentragende Büsche wie Aronia, Kornelkirschen und Ölweiden. Aber ich habe auch Blumen, die verwildern, ausgesät wie Vergissmeinnicht, Ringelblumen und Klatschmohn. Mittlerweile gibt es keine Bereiche mehr, in denen der Boden blank daliegt. Es sollte immer überall etwas wachsen. Der Boden liebt es, bewachsen zu sein, man kann sagen: Das ist seine Bestimmung.
Über Vögel kamen und kommen Samen, sogar Ameisen verteilen sie. Und der Wind tut dies ebenfalls. So hat sich Frauenmantel, der den Schatten liebt, vom Süden in den Norden des Gartens ausgebreitet.
Alles ist in Bewegung und Veränderung. Langsam habe ich begriffen, dass ich nicht alles bestimmen kann und auch nicht alles bestimmen sollte. Andere Lebewesen tragen ihren Teil bei. Das ist faszinierend zu erleben. Auch meine Innenschau hat sich verändert. Die Dominanz meines Ichs lässt nach. Ich muss nicht mehr herrschen. Die Natur kann sich mir zeigen. Und ich verstehe, dass ich Teil eines lebendigen Ganzen bin.
Geht das nur in der Weite des Rheiderlandes oder auch im Stadtgarten?
Die Größe ist nicht entscheidend. Auch auf einer kleinen Fläche, sogar auf einem Balkon, kann Vielfalt entstehen. Dafür können wir etwas dafür. Und tun wir etwas, werden wir wie von selbst reich beschenkt.